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Mainz (edy) - In der Gothicszene haben sie sich schon lange einen Namen gemacht. Unermüdlich tourten sie rund um den Globus und rockten die Clubs der Welt. Mit ihrer Platte "Futureperfect" ernten VNV Nation endlich die Früchte ihrer unermüdlichen Arbeit. Hi, wie ist das Wetter in England, beschissen wie immer?
Im Großen und Ganzen, ja.
Gehen dir die Interviews schon auf den Sack, ich nehm mal an, dass du schon einige hinter dir hast für heute.
Das auf jeden Fall, ich geb jetzt seit neun Stunden Interviews und das selbe mach ich morgen auch. Trotzdem macht es immer wieder Spaß, sich mit interessanten Leuten zu unterhalten. Du bist für heute der Vorletzte, deswegen bist du mir schon sympathisch.
Na wenns nur daran liegt ... Ihr seid mit "Futurperfect" ja auf Platz 26 in die Charts eingestiegen. War das der höchste Platz den ihr bis dato belegen konntet?
Ja, bisher schon. Wir waren auch mal mit einem anderen Album für eine Woche in den Charts, aber das ist bisher unser bestes Ergebnis. Das ist natürlich eine fantastische Sache.
War etwas in der Art zu erwarten?
Die Leute von unserem Label waren überzeugt davon, dass das Album in die Charts kommt. Ich selber habe von so etwas wie den Top 50 geträumt, mit den Top 30 hätte ich aber nie gerechnet. Das hat mich doch ziemlich aus den Socken gehauen, wenn ich ehrlich sein soll. Es ging auch gar nicht um den höchstmöglichen Charteinstieg an sich, sondern eher darum, dass wir mit diesem Einstieg ein paar Leute auf uns und unsere Art von Musik aufmerksam machen und somit vielleicht ein paar Türen für andere Bands öffnen können.
Denkst du, dass die Erwartungen der Fans nach eurem letzten Album besonders hoch waren und solch ein Einstieg sozusagen Pflicht?
Ich denke es gab viele, die einfach die übliche Weiterentwicklung von uns erwartet haben und viele, die sich dachten, dass "Futureperfect" ein großes Pop Album werden würde. Beide lagen irgendwie falsch. Da "Genesis" aber in die Charts ging, haben wohl auch viele gehofft, dass sich das mit dem Album wiederholen würde. Das ist ja auch von dem Standpunkt aus was tolles, dass wir unseren Sound nicht massiv verändert haben, sondern es vielmehr geschafft haben, mit unserer Art Musik in die Charts zu kommen. Musik, die von der Öffentlichkeit bisher nicht sonderlich beachtet wurde. Jetzt ist der Anreiz, sich auch mit uns zu beschäftigen, einfach größer und das freut bestimmt nicht nur uns.
Da gibts dann auf der anderen Seite aber gleich wieder die Die-Hard-Fans, die Sold Out schreien und euch nur für sich alleine haben wollen. Sogar Gerüchte über ein Video geistern ja schon durch die Gegend.
Es wird definitiv kein Video geben. Ich weiß aber, auf was du hinaus willst. Ich denke nur, dass es an der Message der Musik und an ihr selber nichts ändert, ob jetzt zehn oder 1000 Leute sie hören. Ich kann die Leute schon irgendwo verstehen, wenn auf einmal jeder ankommt und so tut, als ob er die Band schon immer gehört habe, im Endeffekt aber keinen Plan von der Sache hat. Ich wollte immer ein gewisses Feeling mit der Band einfangen und ausdrücken. VIVA würde unser Video doch nicht mal spielen, wenn wir Millionen von Dollars dafür ausgeben würden. Es gibt doch immer noch so viele Vorurteile gegenüber dieser Szene, dieser Musik. Wir schaffen es zwar inzwischen immer wieder, dass uns große Zeitschriften ohne vorgefasste Meinung erst mal anhören, aber bei VIVA denken die doch immer noch, dass alle aus der Szene ihre Haustiere opfern. Diese Erfahrung haben wir auch schon mit den meisten Radiostationen gemacht. Die sagten dann: "Nee, diese Art Musik spielen wir nicht". Diese Art Musik? Viele Bands klingen ähnlich wie wir, aber wir kommen eben aus dieser "Gruftie-Szene". Scheiße, Mann, wir sind doch keine Grufties (lacht), wir haben einfach gute Songs, wo auch noch einiges an Message rüberkommt. Wir haben auch so viel unterschiedliche Sachen in den Songs.
Inzwischen laufen doch auch Projekt Pitchfork und De/Vision auf MTV und VIVA. Denkst du nicht, dass du da etwas zu schwarz siehst?
Ja, Pitchfork waren auf MTV, ok. Aber es ist eine andere Frage, ob es ihnen wirklich was gebracht hat, oder nicht. Ein Video käme für mich sowieso nur dann in Frage, wenn es im Einklang mit Musik, der Band und der Message stehen würde. Etwas, das zeigt was wir sind, das den Leuten klar macht: "Egal ob ihr für oder gegen uns seid, wir gewinnen!" Das war der Slogan auf dem Rücken unseres ersten T-Shirts. Es gibt einfach genügend andere Wege die Menschen zu erreichen, ohne ein Video zu drehen. Ein Video sagt eigentlich nur: "Hey, wir haben jede Menge Kohle, haha". Haben wir aber nicht, wenn wir jetzt ein Video drehen, sind wir einfach nur arm und ich bekomme nie den Audi TT, den ich unbedingt haben will (knallt mit dem Kopf beinahe auf den Tisch vor lachen). Naja, vielleicht einen fürs Regal. Quatsch, die Kinder wollen einfach was zu essen haben. Das Music Biz ist ja auch dermaßen kompliziert, bis man da jeden überzeugt hat, dass das Video unbedingt laufen muss, usw. Ok, ich gebs zu, es gab ein Video und VIVA haben es abgelehnt. Punkt, aus, Ende. VIVA spielen doch sowieso, was sie wollen und nicht, was die Zuschauer wollen. Das ist ein privates Unternehmen, da hat Demokratie nichts zu suchen. Sie spielen das, was sie für cool, hip und angesagt halten und das stimmt meist mit dem Programm von MTV überein.
Lass uns mal etwas über das Album an sich plauschen. Für meine Ohren klingt „Futureperfect ziemlich melancholisch und hat auf der anderen Seite irgendwie die Ecken und Kanten von "Empires" verloren.
Ich finde eigentlich, dass "Empires" auch ein sehr melodisches Album war. Das neue Album geht meiner Meinung nach nicht unbedingt so schnell ins Ohr. Es ist aber doch etwas strukturierter. Vieles hat auch damit zu tun, dass ich immer mehr über die Art und Weise lerne, Songs zu schreiben, zu produzieren, die Song letztendlich so klingen zu lassen, wie ich das möchte. In der Vergangenheit war ich immer am Ausprobieren und Experimentieren und war am Ende glücklich mit dem Ergebnis. Es war eine Sache der Entwicklung.
Denkst du, dass du jetzt das Beste heraus geholt hast, an der Spitze bist?
Keine Chance, vergiss es, da ist auf jeden Fall noch mehr drin. Es liegt noch ein langer Weg vor uns.
Wie siehst du die Aussage von "Futurperfect"? Ist sie positiv, oder eher negativ?
Öh, so jetzt im kurzen? Schwer zu sagen. Es ist von beidem etwas, sozusagen: "Schau dich um und sag mir, was du siehst." Anstatt einfach nur zu denken, das man eh nichts ändern kann, sollte man sich nicht damit abfinden, sondern es versuchen, denn man kann immer etwas ändern, jeder einzelne. Wenn man will kann man verdammt viel verändern, sei es im Privatleben oder sei es in der Gesellschaft. Wir leben in einer sehr dunklen und orientierungslosen Zeit, wir wissen irgendwie nicht, wohin es eigentlich geht und die Probleme werden nur noch größer, wenn wir die Finger nicht aus dem Arsch nehmen und endlich etwas unternehmen. Das weißt du, das weiß ich, das sollte eigentlich jeder wissen, schließlich offenbare ich hier nichts elementar Neues.
In dem Essay, der auch auf eurer Homepage zu finden ist, sprichst du vom Verlust von Glauben und Vertrauen. Denkst du, dass ein Gott überhaupt noch notwendig ist?
Weiß nicht, aber Religion hat ja an sich nichts mit Aberglauben zu tun. Da ist ja mehr, als nur Geburt, Aufwachsen, Sterben und in Staub verwandeln, ich glaube nicht, dass es damit dann einfach vorbei ist. Schließlich war man vor ein paar hundert Jahren noch davon überzeugt, dass die Erde flach ist und man über den Rand stürzt, wenn man sich zu weit von der Mitte entfernt. Ich denke in der Zukunft wird man erkennen, wie ignorant wir doch waren, vom Tod als absolutem Ende auszugehen. Ich bin auch ein sehr skeptischer Mensch, aber die eine gute Sache, die ich in Religionen sehe, ist die, dass sie den Menschen einen Halt, eine Führung geben, so etwas wie eine Orientierung und daran kann ich nichts Falsches sehen. Es schwingt natürlich auch sehr viel Negatives bei Religionen mit, aber der Grundgedanke ist positiv. Wie können wir aber so vermessen sein, zu denken, wir wären besser als Gott? Hey, wir brauchen keinen Gott mehr, wir haben einen Computer, ha! Wir hier im Westen sind inzwischen auf so einem verdammt hohen Level der Arroganz, dass wir uns echt für die absolute Krönung der Schöpfung halten. Warum wundern wir uns eigentlich, dass nicht alle Länder unsere ach so wundervolle Demokratie übernehmen wollen? Hey, Demokratie ist an sich ne feine Sache, aber wenn man in manchen Städten abends nicht vor die Tür kann, wegen der hohen Kriminalitätsrate, wenn man die Bilder von Vergewaltigungen und Drive-by-Shootings sieht, dann würde ich auch zweimal überlegen, ob die Demokratie, die mir da angeboten wird, wirklich so verlockend ist.
Würdest du sagen, dass "Futureperfect" den Menschen die Möglichkeit bietet, dieser traurigen Realität für die Dauer der CD zu entfliehen?
Nicht unbedingt, es bietet eher so etwas wie eine Alternative zur Realität an. Eine Welt, in der diese Probleme erst gar nicht aufgetreten sind. Ich betrachte die Vergangenheit mit ihren Werten, die wir dummerweise fallen gelassen haben und kommentieren die Gegenwart von diesem Standpunkt aus. Ich sage: "Denkt mal darüber nach. Ist es wirklich das, was ihr wollt?" Unsere Musik hat schon immer Leute zu irgendwelchen Gedanken oder Taten verleitet, die mich immer wieder sehr erstaunen und auch glücklich machen. Wenn ich von solchen Dingen dann erfahre, macht mich das unheimlich stolz. Durch unsere Musik können wir Menschen mit absolut unterschiedlichen Background zusammen bringen, das ist schon eine feine Sache. Dieses Gefühl des Zusammengehörens möchte ich weiter geben und verbreiten. Das Leben ist nicht immer besonders schön, aber wie sagten sie in Matrix: "Die Menschen sind erst glücklich, wenn sie leiden."
Warum wird es von der "Beloved" Single zwei Versionen geben?
Ich mag es nicht, Singles mit drei Songs zu veröffentlichen. Wir hätten eine EP rausbringen können, mit den entsprechenden Songs der Singles, oder eben zwei Singles mit unterschiedlichen Tracks. Das Problem bei EPs ist, die gehen nicht in die deutschen Charts und da wollten wir nun mal rein. Die Fans können so auch frei entscheiden. Wenn sie sich beide Singles zulegen, zahlen sie in etwa den Preis, den sie für eine EP hätten hinblättern müssen. Sie können aber auch einfach nur eine von beiden kaufen. Das hat also nichts mit abzocken zu tun. Wie gesagt, dadurch, dass wir es in die Charts schaffen, können wir hoffentlich ein paar Türen öffnen. Vor Jahren hätte man Radiohead nie im Leben im Radio oder im Fernsehen laufen lassen, aber die Zeiten haben sich geändert. Warum sollen sie sich nicht wieder ändern, so dass wir diesmal was davon haben?
Es war ja ursprünglich geplant die Single am 07.02. rauszubringen. Woran ist es gescheitert?
Wir mussten das Ganze auf Ende März verschieben. Das lag an vielen Gründen, auf die ich hier aber nicht näher eingehen will. Es lag aber auch daran, dass unsere Tour ja Anfang April beginnt und deshalb ist es nicht schlecht, dass die Single kurz zuvor erscheint. Ein weiterer Grund war, dass eines unserer Konzerte in den USA gebootlegged und übers Internet ausgestrahlt wurde. Somit hatten einige Leute "Beloved" schon lange, bevor das Album überhaupt erschien. Ich finde die Idee, dass man Musik übers Internet verbreiten kann, an sich nicht schlecht, aber das hat mich wirklich angekotzt. Vor allem, als ich in den Staaten drei Tage später in einen Club in San Francisco ging und der DJ auf einmal "Beloved" laufen ließ. Den Leuten hat es fantastisch gefallen, aber mir ist beinahe der Unterkiefer abgehauen. Ich liebe den Song einfach zu sehr.
Die Frage, welcher Song dir auf der Scheibe am besten gefällt, ist dann wohl auch müßig?
Ja, schon, die hab ich mehr oder minder gerade beantwortet, haha. Das Witzige daran ist, dass ich den Song erst eine Woche vor der Tour geschrieben habe. Das ist kein Witz, das Teil war ursprünglich auch als Instrumental geplant. Das war eher ein Zufall, dass da überhaupt Text dazu kam. Ich wollte aber unbedingt Text dazu haben. Die Melodie existiert in Grundzügen schon seit zwei Jahren und ich wollte den Song auf dem Album haben. Als ich mich dann wieder daran setzte, hat sich das irgendwie verselbstständigt. Es wurde immer mehr Text, die Ideen flossen nur so aus mir heraus. Es geschah einfach und ich bin sehr Stolz darauf.
Ist das der übliche Weg für dich, Songs zu schreiben.
Ja, schon irgendwie. Viele meiner Songs entstehen durch Zufall, "Solitary" zum Beispiel. Naja nicht ganz, ich hatte diese Gesangslinie in meinem Kopf und auch den Text schon mehr oder minder, was fehlte, war die Musik, der Style, der Ausdruck. Der Zufall kam dann ins Spiel wo es darum ging, den Text mit der Musik zu verbinden. Es war ein guter Zufall. Es kann eben sein, dass du einfach eine tolle Melodie auf einmal im Kopf hast, um die du dann den Song entwickelst.
Wird es Festivals dieses Jahr geben?
Ja jede Menge. Wär doch doof wenn es dieses Jahr keine gäbe. Und bevor du fragst, es wird auch wieder Weihnachten geben, Eddy, ganz bestimmt.
Klugscheißer, spielt ihr auch auf einem?
Klar werden wir spielen, ist aber noch nicht ganz raus, wo und wann. Wir haben insgesamt mal drei ins Auge gefasst. Wir wollen die nicht überfüttern. Manche Bands treten echt überall auf und dann kann das schon beinahe auf den Sack gehen. "Was The Cure schon wieder, ach du liebe Scheiße!"
OK, dann die letzte Frage, die vor allem für meine Freundin wichtig ist ...
Ob ich sie heiraten werde, nö, tut mir leid Eddy. Da spiel ich nicht mit. Ihr Deutschen seid ja schon ganz schön strange.
Aber ihr Briten habt keinen an der Waffel, oder? Ich wollte eigentlich nur wissen, ob du dich nach dem Konzert in Mainz auch mal vor der Bühne blicken lässt um Autogramme zu geben?
Auf jeden Fall, wie gesagt, der Kontakt zu den Leuten ist mir sehr wichtig. Ich denke da lässt sich auf jeden Fall was machen. Bis dahin.
INTERVIEW MIT RONAN HARRIS 2006:
VNV Nation 's sehnlichst erwartetes neues Album „Matter And Form“ wird von den Kritikern bereits als ihr bisher stärkstes, abwechslungsreichstes und reichhaltigstes Album angepriesen. Produziert von dem namhaften deutschen Produzenten Gerrit Frerichs (aka Humate) und VNV Nation 's Ronan Harris, bietet das Album eine begeisternde Variation an Klang und Sound; von rauen, kantigen Tracks wie „Chrome“ und „Entropy“, bis hin zu ätherischen und gefühlvollen Sounds wie „Endless Skies“ und „Homeward“. Mit diesem Album haben sich VNV Nation in neue elektronische Weiten bewegt, wobei der Fokus wieder auf Energie und Emotion gelegt wird, welche das Markenzeichen der Band geworden sind. Lass uns ein wenig mit Ronan Harris über VNV Nation und das neue Album „Matter And Form“ sprechen, denn da gibt es bestimmt wieder viele Neuigkeiten zu erfahren. re-flexion: „Matter And Form“ heisst der Titel des seit langem erwarteten neuen VNV Nation -Album. Was macht diese Veröffentlichung speziell im Hinblick zu den bisherigen Werken?
Ronan Harris: Ich denke, es liegt klar an der Weiterentwicklung. Meine Musik ist in ihrem Stil und in ihrer Qualität sehr gewachsen. Man merkt es, sobald man das Album hört. Es gab so viele, neue Dinge, welche ich ausprobieren wollte, ohne aber den typischen VNV Nation -Affekt zu verlieren. Ich hatte eine genaue Vorstellung davon, wie sich „Matter And Form“ anhören sollte, wusste genau welches Equipment ich benötige und auch, dass ich mit einem Co-Produzenten zusammenarbeiten werde. Alle diese Voraussetzungen und die Erfahrungen der vorgängigen VNV Nation -Produktionen lassen „Matter And Form“ für mich persönlich zum besten VNV Nation -Album werden. Diese Veröffentlichung hebt sich durch raffinierte Feinheiten und Spielereien der Sounds, sowie der Qualität des ganzen klar von allen alten Sachen ab. Zudem hat mir die Arbeit an diesem Tonträger am meisten Spass gemacht oder sicher genauso wie die Produktion von „Praise The Fallen“. Meine Liebe zu den älteren Songs und Produktionen ist noch dieselbe. Ich bin unheimlich stolz auf dieses Werk.
re-flexion: Die erste Single des Albums heisst „Chrome“ und wird nur als mp3-Download zum Kauf angeboten. Wann und warum hast du dich für diesen Vertriebsweg entschieden?
Ronan Harris: Die Industrie und die Technologie haben uns mit mp3-Playern und den Downloads neue und interessante Pforten geöffnet. Ich weiss, dass viele Leute in Deutschland sich mp3-Player gekauft haben, das war sicher ein Grund, der mich von dieser Idee überzeugte. Der andere Grund ist der, dass die meisten Labels die Single vor dem Album veröffentlichen. Für uns war es zeitlich unmöglich „Chrome“ vor der Albumveröffentlichung herauszubringen, trotzdem wollte ich aber den Leuten eine Möglichkeit geben einen Song zu hören, bevor „Matter And Form“ fertig war. So gab es noch einen zweiten, wichtigen Faktor, der dafür sprach, die Single auf diesem, für mich neuen Weg zu veröffentlichen. Unglaublich wie viele Leute diese Chance genutzt haben. Man merkt wie sehr der Musikdownload an Bedeutung gewonnen hat und mittlerweile zu einer viel genutzten Quelle geworden ist.
re-flexion: Warum gibt es „Chrome“ nicht in verschiedenen Versionen herunterladbar?
Ronan Harris: Das kommt noch. Das Problem ist, dass die Zusammenarbeit mit den Leuten, welche die Tracks ins Internet stellen sehr schwierig ist. Du musst denen die Songs sehr früh geben, ohne aber eine Garantie zu haben, dass die Bereitstellung im Internet an dem Tag realisiert wird, an welchem du es willst. Aber abgesehen davon, finde ich es eine grossartige Sache, vor allem kann ich so den Leuten, die Schwierigkeiten haben in normalen Musikläden an unsere Sachen zu kommen, die Möglichkeiten anbieten, diese bequem und gleichzeitig downloaden.
re-flexion: Welche Vorzüge hat die Single „Chrome“, die sie so wertvoll macht, dass du sie als Vorreiterin für „Matter And Form“ in die Öffentlichkeit gebracht hast?
Ronan Harris: “Chrome“ ist ein sehr starker, clubtauglicher Song. Er demonstriert zugleich wahnsinnig gut die Veränderung bzw. die Weiterentwicklung meiner Musik.
re-flexion: Erzähl uns etwas über die Produktion von „Matter And Form“, wann hast du gemerkt, dass es der richtige Zeitpunkt für ein neues Album ist?
Ronan Harris: Vor drei Jahren, genau einen Tag, nachdem die Arbeiten zu „Futureperfect“ beendet waren. Ich hatte damals schon einige neue Songideen, bzw. wusste damals schon, dass ich etwas Neues und Anderes für die nächste Veröffentlichung wollte. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht ältere Sachen zu hören, vor allem alte elektronische Sachen der 70er- und 80er-Jahre, um zu spüren, was damals die Faszination dieser spezifischen Musik ausmachte. Ich fühlte mich in viele, verschiedene Arten und Zeiten von Musik ein, versuchte überall kleine, aber massgebende Details zu ergattern, was eine grosse Inspirationsquelle für mich war. Auch die Zusammenarbeit mit einem Co-Produzenten, der nicht genau dieselbe Art von Musik produziert, und vor allem die zusätzliche Erfahrung durch ihn, hat mir sehr geholfen. Ich konnte manchmal mein bis zum Limit aufgebrauchtes Wissen auf neue und andere Weise nutzen oder umsetzen. Wie auch der stetige Kauf von neuem und besserem Equipment hat dazu geführt, dass mit „Matter And Form“ ganz neue Gefilde betreten werden konnten. All diese Faktoren haben geholfen, dass ich genau spürte, dass die Zeit reif war.
re-flexion: Wie hat sich die Produktion des Albums entwickelt? Was hast du in den Produktionspausen gemacht?
Ronan Harris: Nun, ich habe viel an der DVD „Pastperfect“ gearbeitet. Doch eigentlich habe ich die ganze Zeit komponiert und musiziert. Ich kreiere die ganze Zeit irgendwelche Songs oder einen Text. Mittlerweile habe ich so viel Material, das es bereits für ein neues Album reichen würde. Mein Ziel ist es auch am Ende dieses Jahres bereits mit den Arbeiten für die nächste Veröffentlichung zu beginnen, so dass diese bereits nächstes Jahr rauskommen könnte.
re-flexion: Viele der neuen Songs klingen sehr emotional. Ich würde sogar sagen zerbrechlich. Reflektieren diese Stücke traurige Momente deiner Vergangenheit?
Ronan Harris: Nicht unbedingt. Das Stück „Arena“ zum Beispiel ist ein sehr autobiografischer Song meines eigenen Lebens. Es reflektiert die verschiedenen Lebensabschnitte und beschreibt bestens, wie ich über mein Dasein denke und fühle. Ganz ehrlich denke ich, dass „Arena“ eindeutig wiedergibt wie ich bin. Jede einzelne Zeile stellt einen Teil meines Lebens dar, fast wie ein Tagebuch. Das ganze Album widerspiegelt irgendwie die letzten Jahre mit all seinen Erfolgen und Tiefschlägen. Ich habe sehr viele Veränderungen in den letzten Jahren durchgemacht. „Empires“ entstand in einer sehr harten Zeit, die erst mit „Futureperfect“ ein Ende fand. Vieles konnte ich damals mit meinen Texten verarbeiten, und ich denke, dass ich die Kraft und Erfahrungen, welche ich in jenen Zeiten erlernt habe in „Matter And Form“ wiedergeben, somit sind ganz verschiedene Gefühle und Momente involviert.
re-flexion: Wie auch auf den vergangenen Alben gibt es auf „Matter And Form“ rein instrumentale Stücke wie „Colours Of Rain“. Wie und wann entscheidet sich, welcher Song rein instrumental wird?
Ronan Harris: Ehrlich gesagt, sind meine Lieder, wenn ich sie komponiert habe bereits produktionsreif, dass heisst, sie müssen nur noch ein bisschen abgemischt werden. „Colours Of Rain“ ist für mich ein typisches Soundtrack-Stück, denn bei solchen Songs weiss ich ziemlich von Anfang an, dass sie als solches auch bleiben werden. Manchmal komponiere ich Lieder und merke, dass sie gar keinen Text brauchen, oder aber dann ist es umgekehrt, und ich habe einen Text und kleide diesen dann in sein Musikgewand wie „Arena“ oder „Endless Sky“ ein. Ich denke die Musik benötigt nicht immer Wörter, um sie zu verstehen. Es gibt viele Leute, die Musik hören, ohne die Sprache der Texte zu verstehen, aber verspüren trotzdem unglaublich viele Gefühle und viel Hingabe.
re-flexion: Die Produktion von „Matter and Form“ wurde mit Gerrit Frerich erarbeitet. Gerrit ist als Produzent von Technomusik bekannt. Wie entstand die Zusammenarbeit mit ihm?
Ronan Harris: Ja, das stimmt, aber ich möchte dazu sagen, dass Gerrit nicht nur ein Technoproduzent ist, sondern in fast jeder Musikrichtung produziert, so dass Technoproduktionen nur ein kleiner Teil seiner Arbeit sind. Wir haben uns durch meine Promotion-Firma kennen gelernt. Das lustige ist, dass wir nur fünfzehn Minuten von einander entfernt wohnen, und das hat natürlich super gepasst. Die Zusammenarbeit mit ihm war genial, zumal er ein absoluter Perfektionist mit sehr viel Enthusiasmus ist, was unsere Arbeit positiv beeinflusst hat.
re-flexion: Nach der Veröffentlichung von „Pastperfect“ (DVD/CD) ist „Matter And Form“ nun das erste Produkt, welches du mittels deinem eigenen Label Anachron Sounds herausgibst. Welche Unterschiede stellst du fest, wenn du mit den bisherigen Labelveröffentlichungen vergleichst?
Ronan Harris: Der Unterschied in der Zusammenarbeit mit einem Label ist der, dass man die ganze Zeit zu hören kriegt, wie und was zu tun ist, wie man ausschauen und klingen muss. Ich habe genug Erfahrungen und weiss genau, wie und was gut für VNV Nation ist, insofern bringt solch eine Zusammenarbeit nicht viel. Okay, bei grossen Labels ist das etwas anderes, aber wir sind eine Alternative-Band, und wir wollen nicht zu irgendetwas gedrängt werden, dass wir nicht wollen. Ich denke mit „Matter And Form“ haben wir bewiesen, dass wir die Fähigkeiten besitzen es alleine zu machen. Ein Vorteil ist sicher auch, dass wir uns in den letzten Jahren einen gewissen Namen und Bekanntheitsgrad aufbauen konnten, und auch unseren Weg gefunden haben, was natürlich sehr hilfsreich ist. Ich denke das Problem ist, wenn man alles alleine macht, dass je grösser und bekannter man wird, umso mehr Leute notwendig sind, die konstruktiv mit einem zusammen arbeiten. Zum Beispiel als wir kürzlich, anlässlich einer Minitour in den Staaten waren, wo wir ziemlich erfolgreich sind, konnte ich nicht glauben, wie viele Leute zu unseren Konzerten kamen. Dies setzt einen schon ein bisschen unter Druck, denn du willst niemanden enttäuschen. Ich will zu jeder Zeit gewährleisten können, dass die Qualität von VNV Nation die ist, welche die Fans und auch ich erwarten. Das macht es manchmal schwierig, aber ansonsten bin ich von der Arbeit ohne Label überzeugt bzw. mit meinem eigenen Label.
re-flexion: Deine Musik ist eine grossartige Mischung aus EBM, Elektro und Futurepop mit interessanten und melodiösen Strukturen. Wie bist zu dieser Art von Musik gekommen? Hast du schon immer gewusst, dass dies deine Musikrichtung ist?
Ronan Harris: Ich denke nicht, dass dies eine Entscheidung war, sondern das hat sich aus ganz vielen verschiedenen musikalischen Einflüssen ergeben. Ich bin mit vielen, diversen Musikrichtungen aufgewachsen, habe vieles gehört und miterlebt, daraus hat sich dann dieser Mix oder Background aus ganz verschiedenen Musiksparten ergeben. Viele Musikbezeichnungen wurden einfach irgendwann erfunden, wie zum Beispiel der Futurepop, was dann dazugeführt hat, dass vieles in einen Topf geschmissen wurde. Ich denke, dass man da vorsichtig sein muss und bezeichne VNV Nation deshalb auch ausschliesslich als Alternativ-Elektronik-Band.
re-flexion: Im Moment covern viele Bands alte Stücke, könntest du dir vorstellen eine Coverversion von einem Lied zu machen?
Ronan Harris : Oh ja, da gibt es unglaublich viele Lieder, die ich gerne covern würde, zum Beispiel Pink Floyd würde mich sehr interessieren. Was ich aber sicher nie machen werde, ist einen dieser Mega-Pop-Hits von früher zu covern, darin sehe ich keinen Sinn. Bei mir wäre es ein Song, der mir persönlich sehr viel bedeutet und mir sehr am Herzen liegt, denn das würde mir am meisten geben und Spass machen.
re-flexion: Schon bald beginnt die „Matter And Form“-Tour, und Mark und du seid endlich wieder live zu erleben. Wie sieht die Live-Performance von VNV Nation im Jahr 2005 aus?
Ronan Harris : Es gibt sehr viel Neues. Wir haben unsere Bühnenshow ausgebaut und für die Konzerte haben wir eigens elektronisch versierte Musiker, die mit uns auftreten werden. Wir haben ein neues Video-System, einen neuen Mischer und jemand neues, der für die Lichter zuständig ist. Trotzdem wollen wir das ganze nicht allzu sehr verändern, denn in der Vergangenheit waren die Fans und wir selber sehr zufrieden mit unseren Shows. Die Grundidee unserer Live-Shows ist das vermitteln von Energie und Spass. Wir wollen das unsere Fans zufrieden und glücklich sind. Ich hoffe die Leute mögen vor allem unsere neuen Lieder
re-flexion: Nach welchen Kriterien hast du die Songs für die Konzerte ausgesucht?
Ronan Harris: Das ist eine interessante Frage. Natürlich gibt es gewisse Lieder, die wir einfach spielen müssen, sonst würden unsere Fans ausflippen. Zum Beispiel der Song „Beloved“ ist einer dieser Sorte. Es gibt auch Favoriten wie „Dark Angel“ oder „Kingdom“, die ich liebe live zu performen. Ich kann nicht genug kriegen, wenn das Publikum mitsingt und mittanzt. Bei den neuen Sachen entscheide ich zwischen Stücken, die ich persönlich unbedingt live singen möchte und Tracks, bei welchen ich denke, dass die Konzertbesucher sie geniessen werden.
re-flexion: Hast du schon einmal darüber nachgedacht, von der „Matter And Form“-Tour eine Live-DVD zu veröffentlichen?
Ronan Harris: Was ich sicher machen werde, sind zwei Konzerte in den Staaten aufnehmen, ob es dann eine Live-CD oder eine Live-DVD davon gibt, kann ich jetzt noch nicht sagen, wir werden sehen.
re-flexion: Du lebst schon seit einiger Zeit in Hamburg. Wieso gerade Hamburg? Was ist das Spezielle an dieser Stadt, dass du es zu deiner Wahlheimat gemacht hast?
Ronan Harris: Am Anfang wusste ich nicht so recht, was mich in Hamburg erwartet, und wie die Stadt ist. Ich kann nicht genau beschreiben, was es ist. Ich habe sehr viele, gute Freunde in der Stadt, das macht sicher etwas aus. Hamburg besitzt sehr viel Flair, und ich mag die Menschen. Es gefällt mir, dass sie zum einen sehr viele, alte Komponente besitzt, und auf der anderen Seite auch wieder sehr modern ist. Man kann sich in Hamburg zurückziehen und seine Ruhe haben, aber bei Bedarf kann man sich voll ins Nachtleben stürzen und Party machen. Diese Balance tut mir sehr gut.
re-flexion: Welche Musik hörst du eigentlich privat?
Ronan Harris: Zu viel, ich kann gar nicht alles aufzählen. Ich höre sehr gerne elektronische Sachen, aber auch Metal- oder Indie-Sachen. Es gibt auch Momente, wo ich gerne Opern höre oder dann wieder andere Extreme wie Noise. Es ist schwierig zu sagen, denn irgendwie höre ich so viele verschiedene Sachen und Stilrichtungen, mein mp3-Player ist vollgepackt.
re-flexion: Vielen Dank für das Interview.
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Interview mit Ronan Harris im Mai 2007 (Zu "Judgement")
Im April veröffentlichten VNV Nation ihr neues Album “Judgement”, welches in Deutschland immerhin einen Charteinstieg auf Platz 55 schaffte. Am Rande eines ihrer von den Fans wie immer gefeierten Konzerte stand Mastermind Ronan Harris Rede und Antwort. Hier nun die zweite Hälfte unseres Interviews: Gibt es einen persönlichen Favoriten für dich auf dem neuen Album?
Ich mag viele der Songs aus verschiedenen Gründen. Wir spielen fünf oder sechs von ihnen live. Wir könnten sogar sieben spielen, das war das letzte Mal bei „Empires“ so.
Welche Musik hörst du derzeit so privat? Ich würde in Richtung Hard-Trance tippen.
Nein, Hard-Trance höre ich überhaupt nicht, schon ungefähr seit 2000 nicht mehr. Ich mag viel elektronische Rockmusik. Es gibt viel gute elektronische Underground-Musik im Moment, die in keine Kategorie passt. Ich höre Ambient, Chillout-Musik, Experimentalelektronik. In Hamburg gibt es viele interessante, schräge Undergroundbands.
Nun zu einer Frage, die du sicher dauernd hörst: Es geht ums Coachella-Festival. Seid ihr sehr stolz?
Ja. Auf das Coachella eingeladen zu werden, war das Größte, das uns je passiert ist. Es ist nicht mit Rock am Ring oder einem anderen deutschen Festival vergleichbar, es ist unglaublich. Daft Punk waren fantastisch, Depeche Mode waren fantastisch, die ganze Atmosphäre… es ist das Größte für populäre alternative Musik. Ein Magazin fragte, wie es sei, zwischen all diesen kommerziellen Künstlern aufzutreten. Aber das ist doch keine Mainstream-Musik. Neben den ganzen Alternativgrößen triffst du da das Who-is-Who des elektronischen Undergrounds. Was uns auch fasziniert, ist, dass wir auf einem riesigen, ausverkauften Zweitagesfestival in Amerika an einer ziemlich hohen Position spielen. Das ist eine große Bestätigung für uns: „VNV Nation, ihr seid keine Szene-Band.“
Es ist sehr interessant, dass die Menschen, die uns dort sehen wollen, aus den verschiedensten Backgrounds - aus ganz anderen als ich - stammen. Die sind musikalisch viel offener. Hier hören die Leute zwar auch unterschiedliche Musik, aber eben innerhalb einer bestimmten Szene. Alternative Musik ist dort viel mehr eine Kultur. Ich höre viele verschiedene Musikstile, wie diese Menschen auch. In unserer Musik geht es ihnen meistens um Emotion und Message. Sie finden die Musik sehr positiv, aber durchaus auf eine anspruchsvolle Art und Weise. Die Texte werden als sehr inspirierend empfunden. Das ist es, was Depeche Mode für mich in den 80ern waren.
Willst du wissen, was mein erstes Konzert war? Es war 1981, als Vince Clarke DM verließ/verlassen hatte. Ich sah die Tour zu „A Broken Frame“, als ich nach Dublin kam. Sie eröffneten mit „My Secret Garden“ und spielten live eine ganz andere Version als auf Platte. Alan Wilder kam raus und spielte Keyboard, einer nach dem anderen kam heraus, und ich war wie gebannt. Ich sah sie auch in Manchester, als sie „New Life“ veröffentlichten, ich sah sie so einige Male in den 80ern. Sie waren schon so was wie eine Lieblingsband. Das hat sich über die Jahre etwas verändert, Violator und Ultra waren die letzten Alben, wo ich noch so eine Art besessener Fan war. Früher hatte ich den ganzen Kram an der Wand, so um die Black Celebration herum. Ich fuhr 1985 extra nach Berlin, um die Hansa-Studios zu sehen. Berlin war ein sehr interessanter Ort damals. All die Inspirationen für „Some Great Reward“, was ein fantastisches Album war. Ähnlich vielleicht, wie für mich heute Hamburg sehr inspirierend ist.
Nun haben wir ein Alter erreicht, wo wir viel andere Musik hören, obwohl wir die Band immer noch sehr mögen. Aber wenn man mich 1986/87 nach einer Band gefragt hätte, die ich jeden Tag hören könnte, wäre die Antwort DM gewesen. Ihre Texte waren sehr inspirierend, sie haben mir durch viele Situationen geholfen. Als ich umgezogen bin, brachte Mark eine Mange alter Kassetten mit und ich habe seit langer Zeit mal wieder auf die Texte geachtet. Und ich dachte nur: Wow, diese Bedeutung, die habe ich früher so gar nicht erkannt. Ich hatte eine komplett andere Interpretation. Es ist eine interessante Band, sie wächst mit dir, wenn du älter wirst.
Viele Fans, sagen, das ist ein Lebensgefühl.
Genau. Martin Gore hat eine sehr einzigartige Perspektive auf die Welt. Er schreibt über menschliche Erfahrungen und Empfindungen. Ich sehe diese Band und denke mir: Die machen das jetzt seit 27 Jahren, wie geht das? Wie schaffen sie es, weiterzumachen? Das Traurigste für mich war, als Alan Wilder die Band verließ. Das war der Sound, den ich liebte. Es ist, was er mit der Band gemacht hat. Ich las viele Synthesizer-Magazine in den frühen 80ern, eines hieß „One, Two, Testing“. Dort las ich einen Bericht über die Aufnahmen von „A Broken Frame“. Es ging darum, wie sie die Songs schrieben, wie sie mit Daniel Miller produzierten usw. Ab dem nächsten Album ging es in den Artikeln, die ich las, meistens darum, wie Alan Wilder dazukam. Mit seinen verrückten neuen Ideen und neuer Technik. Wie er Martin Gore half, den Sound aus seinem Kopf und auf Platte zu bekommen. Doch zurück zu deinen Fragen.
Bevor wir nun zum Ende kommen, erlaube mir noch drei kleine Fragen:
a) Dein Lieblingsfilm zur Zeit?
Im Moment ist es wohl 300. Der Film ist unglaublich.
Und im Allgemeinen?
Der Himmel über Berlin, von Wim Wenders. Er heißt im Englischen „Meanings of Desire“, ein englischer Titel, aber gedreht in Berlin. Es ist eine perfekte Dokumentation, was es heißt, ein Mensch zu sein. Ein sehr bekannter Film im Rest der Welt.
b) Welches Parfum benutzt du?
Antaeus von Chanel.
c) Auf wen freust du dich am meisten, wenn die Tour vorbei ist?
Sie wird noch für einige Monate nicht vorbei sein. Ich weiß noch nicht, nach einer Tour brauche ich immer etwa zwei Wochen für mich. Aber ich liebe das Touren. Das ist vielleicht unsere beste Tour bisher. Die Atmosphäre ist fantastisch. Du hörst ja das Gelächter da draußen. Das sind die Band und die Crew. Das ist eine große Gruppe von Freunden mittlerweile. Alle sind freundlich, lustig und spaßig. Wir haben eine gute Zeit.
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